| Nicht ganz
Fußball-Wolfsburg trägt Trauer. Die in der VW-Stadt beheimateten "Bökelbären",
seit März 2000 bestehender Fanklub von Borussia Mönchengladbach, freuen
sich über den Wechsel des ehemaligen "Wölfe"-Idols Claus Reitmaier an
den Bökelberg. Um seine Popularität braucht der 39-jährige Torwart nicht
zu fürchten, denn in Borussias Fan-Kreisen genießt er Kultstatus. Bei
Auswärtsspielen am Bökelberg mit dem VfL wurde er in der Vergangenheit
mit Sprechchören gefeiert – von den Anhängern der Borussia. Selten wurde
ein gegnerischer Spieler so wertgeschätzt.
Doch woher kommen die Sympathien? "Claus hat nie einen Hehl daraus
gemacht, dass er seit seiner Jugend Gladbach-Fan ist", weiß Jens Hubrig,
Mitbegründer der "Bökelbären". "Seine Liebe zur Borussia ist bekannt."
"Mein Traumverein"
Einen Tag nach seinem Wechsel bekräftigte Reitmaier seine
"Jugendliebe". "Die Borussia ist mein Traumverein, seit ich denken
kann", schwärmte Reitmaier am Dienstag im Interview mit Spiegel Online.
Es ist ein wenig so, als sei Reitmaier im Winter seiner Karriere dort
angekommen, wo er immer hin wollte. Zumal bereits 1994 ein erster
Wechselversuch scheiterte, weil der Karlsruher SC dem 1. FC
Kaiserslautern, Reitmaiers damaligem Verein, die höhere Ablösesumme bot
als Mönchengladbach. "Ich bin absolut glücklich. Hier kann ich meine
Karriere beenden", freut sich Reitmaier in dem Interview.
Schönerer Abschied
Auch Hubrig sieht in dem Wechsel einen gewaltigen Vorteil: "In
Gladach bekommt Claus von den phantastischen Fans wahrscheinlich einen
viel schöneren Abschied geboten als in Wolfsburg. Er wurde ja zuletzt
bei uns schon mehr gefeiert als beim VfL."
Reitmaiers Leistungspotenzial steht trotz des hohen Alters außer
Frage. "Er ist ein Glücksgriff für Borussia, eine Alternative, die man
sofort bringen kann", meint Hubrig in Bezug auf den mindestens
sechswöchigen Ausfall des Stammtorhüters Jörg Stiel. Instinkt bewiesen
die "Bökelbären" bei der Personalie Torwart. "Nach Stiels Verletzung
waren wir der Meinung, es sei die klügste Lösung, Reitmaier zu holen",
erklärt Hubrig. "Und wir hatten Recht – ohne vorher die Spekulationen in
den Zeitungen gelesen zu haben."
Bisher hat es der Fan-Klub allerdings noch nicht geschafft, den
Kontakt zu dem Torwart-"Dino" herzustellen. "Wir sind keine Jugendlichen
mehr, die ihm nach dem Training hinterherlaufen", begründet Hubrig. "90
Prozent unserer Mitglieder sind zwischen 30 und 40 Jahre alt. Wir würden
ihn eher mal auf ein Bier einladen."
Am 13. Spieltag (22./23. November) kehrt Reitmaier mit Gladbach an
seine alte Wirkungsstätte zurück. "Das ist sicher eine Genugtuung für
Claus. Auf das Spiel wird er hinarbeiten", glaubt Hubrig. Reitmaiers
Vertrag beim Traditionsverein läuft zum Saisonende aus. Doch der
ehrgeizige Keeper wird sicher nicht kampflos seinen Platz räumen. Daran
glaubt auch Hubrig nicht, sondern denkt an das neue Borussen-Stadion als
Motivationsgrund: "Im August 2004 wird der Nordpark fertig. Vor 50 000
Fans aufzulaufen – das wäre sicherlich ein Höhepunkt für Claus."
Stein als Vorbild
Das wäre es wohl in der Tat, denn im März wird Reitmaier 40 Jahre alt
– und sein Traum ist es, den Uralt-Rekord von Uli Stein auszulöschen.
Der stand noch mit 42 Jahren im Tor eines Bundesligisten. Und vielleicht
weinen sie Reitmaier ja auch in Wolfsburg noch einige bittere Tränen
nach. Denn auf Grund der Verletzung von Talent Patrick Platins stehen
Chefcoach Jürgen Röber nur noch zwei Torhüter zur Verfügung. Reitmaier
schert es nicht mehr – er lebt seinen Traum jetzt am Bökelberg.

|